Hint: Use 'j' and 'k' keys
to move up and down

reminiszenz

und Konstellation - oder: Die Zurüstung der Iterabilität

"Zu lang schon waltest über dem Haupte mir
Du in der dunklen Wolke, du Gott der Zeit!
Zu Wild, zu bang ist’s ringsum, und es
Trümmert und wankt ja, wohin ich blicke."
- Friedrich Hölderlin: Der Zeitgeist (Auszug), in: Jochen Schmidt (Hg): Friedrich Hölderlin - Sämtliche Gedichte und Hyperion, Frankfurt am Main und Leipzig, S.217.
"Wo beginnen?
Alles kracht in den Fugen und schwankt.
Die Luft erzittert vor Vergleichen.
Kein Wort ist besser als das andre,
die Erde dröhnt von Metaphern…"
- Osip Mandelstam; zit.n.: Peter Handke - Weissagung, in.: ders. - Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke, Frankfurt am Main 1979, S.51.
"Manchmal ist Deine Stimme,
Die im Winde verstreicht,
Deine Hand, die im Traume,
Rühret die Schläfe leicht;
Alles war schon vorzeiten.
Und kehret wieder sich um.
Gehet in Trauer gehüllet,
Streuet Asche herum"
- Georg Heym: Mit den fahrenden Schiffen (Auszug), in.: Ders. - Umbra Vitae, Nachgelassene Gedichte, München 1985, S.24.
"WELTSCHMERZ
-
Ich, der brennende Wüstenwind,
Erkaltete und nahm Gestalt an.
-
Wo ist die Sonne, die mich auflösen kann,
Oder der Blitz, der mich zerschmettern kann!
-
Blick’ nun: ein steinernes Sphinxhaupt,
Zürnend zu allen Himmeln auf.
-
Hab an meine Glutkraft geglaubt."
- Else Lasker-Schüler: Weltschmerz, in: Friedhelm Kemp (Hg.): Else Lasker-Schüler - Die Gedichte, 1902-1943, Frankfurt am Main 1997,  S.43.
"Verzweifelt
-
Droben schmettert ein greller Stein
Nacht grant Glas
Die Zeiten stehn
Ich
Steine.
Weit
Glast
Du!"
- August Stramm: Verzweifelt, in: Jörg Drews (Hg.): August Stramm - Gedichte. Dramen. Prosa. Briefe, Stuttgart 1997, S. 29. (via diesebastionbehrisch)
Es gibt ein Bild der Geschichte: ein Kopf ist seitlich im Profil dargestellt, den Blick Richtung Zukunft gewendet, überwachsen ihn Gespinste der Vergangenheit. Was an Erfahrung sich kundgetan, wird unablässlich über seinen Blick geweht; er möchte wohl die Lage wenden und mit offenem Auge in das Vergangene sehen, aber die Erinnerung sucht ihn fortwährend heim, so dass er nur im Stillstand sich retten kann. Dieser Stillstand ist die rasende Bewegung seiner Geschichte, wie verwirklicht sie im Bilde erscheint.

Es gibt ein Bild der Geschichte: ein Kopf ist seitlich im Profil dargestellt, den Blick Richtung Zukunft gewendet, überwachsen ihn Gespinste der Vergangenheit. Was an Erfahrung sich kundgetan, wird unablässlich über seinen Blick geweht; er möchte wohl die Lage wenden und mit offenem Auge in das Vergangene sehen, aber die Erinnerung sucht ihn fortwährend heim, so dass er nur im Stillstand sich retten kann. Dieser Stillstand ist die rasende Bewegung seiner Geschichte, wie verwirklicht sie im Bilde erscheint.

(Quelle: kailbert)

"Auch Steine sind Blumen, nur ist ihr Duft stärker."
- Paul Celan: Aphorismen, Gegenlichter und aphoristische Fragmente in: Barbara Wiedemann, Bertrant Badiou (Hgs.): Paul Celan - »Mikrolithen sinds, Steinchen«, Die Prosa aus dem Nachlaß, Frankfurt am Main 2005, S.20.
"Jeder Stein, den ich fand, jede gepflückte Blume und jeder gefangene Schmetterling war mir schon Anfang einer Sammlung, und alles, was ich überhaupt besaß, machte mir eine einzige Sammlung aus."
- Walter Benjamin: Berliner Kindheit um neunzehnhundert, in: Rolf Tiedemann (Hg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften Bd. IV, Frankfurt am Main, S.286.
"Als Knabe trug ich außer Ruten Gesträuchen und Blüten, die mich ergötzten, auch noch andere Dinge nach Hause, die mich fast noch mehr freuten, weil sie nicht so schnell Farbe und Bestand verloren wie Pflanzen, nämlich allerlei Steine und Erddinge."
- Adalbert Stifter: Vorrede, in: Helmut Bachmaier (Hg.): Adalbert Stifter- Bunte Steine, Erzählungen, Stuttgart 1994, S.15.
"WAS GESCHAH? Der Stein trat aus dem Berge.
Wer erwachte? Du und ich.
Sprache, Sprache. Mit-Stern. Neben-Erde.
Ärmer. Offen. Heimatlich.
-
Wohin gings? Gen Unverklungen.
Mit dem Stein gings, mit uns zwein.
Herz und Herz. Zu schwer befunden.
Schwerer werden. Leichter sein."
- Paul Celan: Die Niemandsrose, Sprachgitter, Frankfurt am Main 1980, S.61.
Notwendige Kraft der Bilder: Das Abbild der Ewigkeit

Notwendige Kraft der Bilder: Das Abbild der Ewigkeit

"Auch draußen schienen die Dinge in stummen Harren wie gebannt zu stehen, um nicht den Mondschein zu stören, der alle Einzelheiten vergrößerte und entrückte, indem er vor ihnen ihren Schatten ausbreitete, der dichter und massiver als sie selbst war und dadurch die Landschaft gleichzeitig flacher und weiter erscheinen ließ, etwa wie einen Plan, der, vorher zusammengelegt, nun entfaltet wird. Was sich rühren mußte, rührte sich, so das Laub des Kastanienbaums. Aber sein bis ins einzelne gehendes, alles erfassendes, bis in die letzten Nuancen und Feinheiten durchgeführtes Erschauern teilte sich andern Dingen nicht mit, sondern blieb völlig auf ihn beschränkt."
- Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, In Swanns Welt, Erster Teil Combray, übersetzt von Eva Rechel-Mertens, werkausgabe, Bd.1, Frankfurt am Main 1976, S.48.

Der Baum und die Sprache

»D e r  B a u m  u n d  d i e  S p r a c h e .  Ich stieg eine Böschung hinan und legte mich unter einen Baum. Es ging gerade ein Wind. Der Baum war eine Pappel oder eine Erle. Warum ich seine Gattung nicht behalten habe? Weil, während ich ins Laubwerk sah und seiner Bewegung folgte, mit einmal in mir die Sprache dergestalt von ihm ergriffen wurde, daß sie augenblicklich die uralte Vermählung mit dem Baum in meinem Beisein noch einmal vollzog. Die Aeste und mit ihnen auch der Wipfel wogen sich erwägend oder bogen sich ablehnend; die Zweige zeigten sich zuneigend oder hochfahrend; das Laub sträubte sich gegen einen rauhen Luftzug, erschauerte vor ihm oder kam ihm entgegen; der Stamm verfügte über seinen guten Grund, auf dem er fußte; und ein Blatt warf seinen Schatten auf das andere. Ein leiser Wind spielte zur Hochzeit auf und trug alsbald die schnell entsprossnen Kinder dieses Betts als Bilderrede unter alle Welt.«

- Walter Benjamin: Einbahnstraße, Entwürfe Fassungen, in: Christoph Gödde, Henri Lonitz, Detlev Schöttker (Hgs.): Walter Benjamin - Werke und Nachlaß, Kritische Gesamtausgabe, Bd.8, Frankfurt am Main 2009, S.224.

"Ach, wen vermögen
wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich
wiedersähen;"
- Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien, Frankfurt am Main 1975, S.9.
Und wieder weht es vom Paradiese her…

Und wieder weht es vom Paradiese her…